Kite News

Plastikplanet


Bildschirmfoto 2015-10-19 um 16.38.42

Segen, Sünde und Gefahr zugleich: Die Menschheit ist von Plastik umgeben, fast so selbstverständlich wie von Sauerstoff. In den meisten Lebensbereichen kaum mehr wegzudenken, stellt Plastik besonders für die Ozeane, ihre Bewohner und damit auch alle Wassersportler eine ernstzunehmende Gefahr dar. Sabine Schmidt gibt eine Exkursion durch die Welt des Kunststoffs und will zugleich für den Umgang mit dem so selbstverständlich gewordenen Polymer sensibilisieren.

Dass Meer, Lebensraum für eine faszinierende Vielfalt unterschiedlichster Tierarten und Organismen. Seit Jahrmillionen leben Wale, Fische und Schildkröten in diesem Lebensraum mit vielen anderen Organismen in friedlicher Eintracht nebeneinander. Er wird jedoch zunehmend enger, denn plötzlich trat Plastik durch die Tür. Seitdem müssen sich die Lebewesen des Ozeans ihren Le- bensraum mit dieser neuen, gefährlichen „Spezies“ teilen. Plastikmüll bedroht das ökologische Gleich- gewicht auf dem gesamten Planeten. Alljährlich gelangen Millionen Tonnen davon in die Ozeane, Meereswirbel verdichten diese Müllansammlungen. Traurige Überbleibsel unserer modernen Zivilisation, Abfallprodukte weltweiten Fortschritts. Es ist die schwarze Seite der modernen Gesellschaft.

Im Nordpazifik rotiert ein Plastikwirbel namens Great Pacific Garbage Patch, er hat die Größe Zen- traleuropas. Über Jahrzehnte verbleiben die nicht abbaubaren Substanzen im Ozean und greifen massiv in den ökologischen Kreislauf der Natur ein. Der Abbau von Plastik beansprucht etwa 300 bis 400 Jahre. Während dieser langen Zeit wird das Material immer weiter zersetzt. Irgendwann ist es mikroskopisch klein und für das menschliche Auge kaum noch sichtbar. Dieses Mikroplastik findet sich überall in den Meeren, im Sand und in Korallenrif- fen. Es haftet sich unter unsere Füße, wenn wir in den Sonnenuntergang spazieren. Und so wie sich dieses Mikroplastik an uns heftet, verdirbt es Meerestieren und Strandbewohnern, die Polymere nicht von Schlick und Plankton unterscheiden können, den Magen. Auf diesem Weg gelangt der Stoff in die weitere Nahrungskette – also am Ende auch auf unseren Tisch. Abertausende Meeresbewohner verhungern alljährlich mit vollem Magen, gut gefüllt mit einem Fünf-Sterne-Plastikmenü. Was uns in vielen Bereichen das Leben erleichtert, bedeutet für andere Lebewesen vom Fisch bis zur Qualle, vom Strandläufer bis zum Seeadler eine tödliche Gefahr.

Was ist eigentlich Plastik?
Kaum jemand weiß, dass sich hinter dem Begriff Polymer eine der segenreichsten und zugleich auch verhängnisvollsten Entwicklungen der modernen Industriegesellschaft verbirgt. Ein organischpolymerer Festkörper, der aus synthetischen oder halbsynthetischen organischen Molekülen oder Biopolymeren hergestellt wird, nennt sich Kunststoff. Die Annahme, dass Kunststoff eine Erfindung der Moderne ist, erweist sich bei näherer Betrachtung als nicht ganz korrekt. Seit Tausenden von Jahren werden natürlich vorkommende Kunststoffe von den Menschen genutzt. Jeder Körper enthält natürliche Biopolymere. Leder, welches durch Gerben aus Haut und Fell hergestellt wird, ist einer der ältesten und natürlichsten Kunststoffe überhaupt.

Das aus Birkenrinde gewonnene Birkenpech, welches bereits den Neandertalern als Klebstoff für Werkzeuge von Nutzen war, gehört ebenso dazu. Baumharze wurden im Orient als Gummi arabicum gewonnen und nach Europa exportiert, wo sie zum Beispiel als Abdichtungen für Kanäle und Wasser- leitungen dienten. Im Mittelalter schon wurde Tierhorn in einen plastisch verformbaren Stoff um- gewandelt. Plastik, Polymere oder auch Kunststoff sind also keine Erfindung der Neuzeit, wie vielfach angenommen. Nichtsdestotrotz entwickelt sich die Existenz verschiedenster Polymere und der allzu sorglose Umgang mit ihnen zu einem echten Problem für die Menschheit und einer ernstzunehmenden Bedrohung für den Kreislauf des Lebens.

Bildschirmfoto 2015-10-19 um 16.39.11

Industrialisierung und Massenproduktion
Weltweit werden jedes Jahr etwa 240 Millionen Tonnen Plastik produziert. Ungefähr sieben Millionen Tonnen davon landen als Müll im Ozean. Ein Großteil davon sinkt direkt auf den Meeresgrund. In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten sorgt dieser Plastikmüll für ein Durcheinander im ökologischen Kreislauf und nimmt einen massiven Eingriff in den Ausgleich des Ökosystems Ozean vor.

Heutzutage ist natürlicher Kunststoff fast vollständig von der Bildfläche verschwunden. Unser Alltag wird von synthetisch hergestellten Kunststoffen bestimmt. Es findet sich kaum ein Alltagsbereich, in dem wir nicht mit Plastik hantieren. Zahnbürste, Plastikeinkaufstaschen, Kunststoffgriffe an Fenstern und Türen, Umverpackungen, Schutzhüllen, Elektro- geräte und Kinderspielzeuge: Plastik ist in vielen Bereichen nützlich, der Gebrauch an sich nicht direkt verwerflich. Allerdings nur, solange wir uns um einen sparsamen Einsatz bemühen, eine sanfte und umweltschonende Wiederverwertung erfolgt und der globale Wasserkreislauf nicht mit unseren Plastikabfällen belastet wird. Ein Leben ohne Plastik ist heute nahezu utopisch, obwohl wir wissen, wie schwierig das Recyceln von Plastikabfällen ist und das diese, gelangen sie erst einmal in den Kreislauf von Mutter Natur, mehr Schaden anrichten, als dass sie uns nützlich sein können.

Plastik, eine tödliche Gefahr
Auf seiner Reise durch den Ozean, seinem Treiben in gigantischen Meeresstrudeln, lagert Plastikmüll an seiner glatten Oberfläche jede Menge weiterer Umweltgifte an. Vögel, Robben, Fische und andere Meeresbewohner verwechseln die bunten, im Wasser treibenden Teilchen mit Futter. Einmal im Tiermagen angelangt, bleibt das unverdauliche Gift dort liegen. Je mehr Plastik die Tiere schlucken, desto größer ist die Gefahr, dass sie trotz vollen Magens einfach verhungern. Lederschildkröten ernähren sich von Quallen. Es passiert jedoch immer häufiger, dass sie ihre Lieblingsspeise mit im Wasser schwimmenden Plastiktüten verwechseln. Vor wenigen Jahren wurde in Schottland ein Zwergwal mit 800 Kilogramm Plastikmüll im Bauch tot an den Strand gespült. Doch auch das Verheddern von Meerestieren in Plastikmüll bedeutet eine tödliche Gefahr. Seehunde beispielsweise verletzen sich häufig an scharfkantigen Resten von Fischereikisten oder Benzinkanistern, die im Meer treiben. Immer wieder verfangen sie sich in herumtreibenden Fischernetzen und strangulieren sich leider nicht selten bei dem Versuch sich zu befreien. Große und kleine Meeresvögel verfangen sich in den Plastikringen von Getränke-Sixpacks. Achtlos nach einer Beachparty am Strand zurückgelassen lauert mit unseren Überbleibseln eine tödliche Gefahr für Tiere in ihrem Lebensraum. Selbst wenn der Oze- an an vielen Orten auf der Welt kristallklar in mannigfaltigen Türkistönen leuchtet, ist diese Idylle trügerisch. In den Meeren tickt eine hochexplosive Zeitbombe, deren Zünder nur durch ein rasches und umfangreiches Umdenken in den Köpfen der Menschen deaktiviert werden kann.

Auch in Nord- und Ostsee treiben Unmengen an Plastikmüll, direkt vor unserer Haustür. Eigentlich unverständlich, denn beide Meere sind Sondergebiete und das Entsorgen von Müll über die Bordwand steht unter hoher Strafe. Trotzdem hinterlassen die Winterstürme jährlich Berge von Plastikmüll und Unrat an den Stränden von Nord- und Ostsee. Jedes Jahr ruft die Surfrider Foundation North Germany, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Hamburg, die sich die Rettung der Ozeane auf die Fahnen geschrieben hat, deshalb zum Beach Clean Up auf. Dann werden im Rahmen dieser Aktion Hunderte Kilogramm an Plastikmüll aus den Uferböschungen und von der Wasserkante gefischt. Die nähere Betrachtung der alljährlichen „Beute“ ruft neben Fassungslosigkeit auch Unverständnis hervor. Von Zigarettenkippen über Feuerzeuge, Handys, Fernbedienungen, Benzinkanister bis hin zu Vorratsbehältern, Plastiktüten, Flaschendeckeln und Umver- packungen von Lebensmittel finden sich Gegenstände aus allen Bereichen des täglichen Lebens, die von uns gedankenlos weggeworfen oder liegengelassen werden. Die Surfrider Foundation strebt ohne erhobenen Zeigefinger ein sanftes Umdenken in den Köpfen an. Wir sind Wassersportler, das Meer ist unser Element, es gibt uns Kraft, vermittelt uns Freiheit und macht uns glücklich. Warum also zollen wir ihm nicht den nötigen Respekt und bedanken uns so für dieses großartige Geschenk?

Was kann ich tun?
Natürlich ist Plastik aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wer sich mal den Spaß macht und unter dem Aspekt Plastikrecherche einen Rundgang durch seine Wohnung antritt, wird genau zu dieser Einsicht gelangen. Sich vollständig von Plastik loszueisen ist auch nicht die Intention der Surfrider Foundation. Ein ausgewogener Umgang mit Kunststoff ist wesentlich effektiver. Ein gesundes Endergebnis kann durch ein nachhaltiges Umdenken im Umgang mit Plastik erreicht werden. Als kleiner Schritt, guter Anfang und wichtiges Zeichen im Kampf gegen Plastikmüll kann beispielsweise der Verzicht auf die geliebten Plastiktüten erfolgen. Deutschland zählt mit einem jährlichen Verbrauch von etwa 65 Plastiktüten pro Einwohner europaweit zu den traurigen Spitzenreitern. Wir verbrauchen jährlich 5,3 Milliarden Plastiktüten. Heruntergerechnet wechseln also jede Minute 10.000 Plastiktüten den Besitzer und landen zwangsläufig im globalen Plastikmüllkreislauf. In Berlin werden jährlich 227 Millionen neuer Plastiktüten in Umlauf gebracht. Von einer Lösung wie sie in Tansania schon längst gelebt wird, sind wir noch weit entfernt. Dort werden landesweit keine Plastiktüten mehr in Umlauf gebracht. Doch auch hierzulande regt sich Einfallsreichtum und Erfindergeist, um ein Umdenken anzuregen. Auf Fehmarn, einer der meistfrequentierten Surferinseln Deutschlands, werden seit Januar 2015 in den meisten Läden keine Plastiktüten mehr ausgegeben. Auch die Stadt Kiel beschloss im September 2014, dass die Förde-Region demnächst plastiktütenfrei sein soll. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Natürlich ist es einfacher, an der Supermarktkasse nach einer Plastiktüte zu greifen. Viel bequemer, als bereits zu Hause an eine Tasche denken zu müssen. Aber es tut verdammt gut, diesen kleinen Aufwand zu betreiben und gleichzeitig zu wissen, dass dadurch 65 Tüten weniger pro Jahr in Umlauf gebracht werden. Mikroplastik findet sich heute auch in vielen Cremes, Salben, Pasten, ja, selbst in Zahnpasta. Wer hätte gedacht, dass die meisten Menschen alltäglich ihre strahlend weißen Zähne mit Mikroplastik polieren?

Glücklicherweise finden sich aber auch ausreichende Alternativen in den Regalen der Drugstores und Parfümerien, man muss nur etwas genauer hinsehen. Ein Barbecue mit Freunden am Strand ist der krönende Abschluss eines Kitetrips ans Meer. Es mit gutem Gewissen genießen zu können beinhaltet aber auch, dass Plastikflaschen, Umverpackungen für Grillfleisch und andere Abfälle, die das ozeanische Gleichgewicht gefährden, nicht achtlos zurückgelassen werden. Freiheit, unberührte Natur und Weite sind ein Luxus, den wir heute noch genießen können. Jedoch sollte nicht vergessen werden, wie wertvoll dieser Luxus ist und dass ihn eine gestörte Balance des Ozeans zerstören kann. Auf Kunststoff gänzlich zu verzichten ist schwierig. Schwieriger noch als manch einer sich das vorstellen mag. Aber – und das ist eine wirklich gute Botschaft – es ist in vielen Lebensbereichen machbar. Es macht Spaß, liegt im Trend und es ist bunt!

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Nr. 45 erschienen.


Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *