Testberichte

North Vegas 2012


Ein Urgestein des Kitesurfens im Wandel der Zeit: Diese Zeile beschreibt die Geschichte des North Vegas absolut treffend. Denn im Gegensatz zu den weiteren Freestylern in diesem Materialcheck hat er sie miterlebt, die Hochphase der C-Kites, in der die charakteristische C-Form das Maß aller Dinge war. Eine tiefe Wölbung mit lang gezogenen Ohren und extrem breiten Tips, wie sie den Vegas 2003 in seinem ersten Jahr prägte, gehört heute der Vergangenheit an. Denn mit dem Wandel des Kitemarktes hat sich auch der Vegas extrem verändert. Bereits seit einigen Jahren besitzt er stark abgerundete Tips, die es den Designern erlauben, die Anknüpfpunkte für die Frontleinen höher auf der Fronttube anzubringen. Als Resultat besitzt der Vegas eine Depower, von der man 2003 nur zu träumen vermochte. Dass es trotz aller Vorreiterschaft bis zum 2012er-Modell gedauert hat, bis er ein One-Pump-System spendiert bekam, fällt im Hinblick auf die bahnbrechenden Neuerungen im Flugverhalten etwas aus der Reihe.

Vielseitigkeit ist eigentlich keine Eigenschaft, die zwangsläufig von einem C-Kite erwartet wird. Doch der Vegas geht auch in diesen Belangen seinen eigenen Weg. So kann sich der Kiter nach dem Aufpumpen des Kites zwischen zwei unterschiedlichen Flugmodi entscheiden: Freeride und Newschool. Wer maximale Reaktivität und möglichst viel Depower wünscht, bringt die Front- und Steuerleinen auf den jeweils äußeren Anknüpfpunkten an. Wer für Newschool und Wakestyletricks einen unsensibleren Kite und mehr Pop bevorzugt, wählt die beiden inneren. Erstaunlich fällt im direkten Vergleich mit den Konkurrenten die extreme Agilität des neuen Vegas auf, die im Vergleich zum Vorjahr gesteigert wurde und sogar im Newschoolmodus noch deutlich vor der Konkurrenz liegt.

Er zeigt dabei nicht nur eine absolut direkte Umsetzung von Lenkbefehlen, sondern fliegt mit einer hohen Fluggeschwindigkeit auch engste Turns, ohne dabei Strömungsabrisse zu verzeichnen. Dieser Zugewinn im sportlichen Segment steht einer etwas reduzierten Leistung im unteren Windbereich gegenüber. Trotz großer Beweglichkeit muss der Fahrer schon mächtig sinussen, um dann ins Gleiten zu kommen. Wird der Vegas aber erst mal richtig angeströmt, wandert er für einen Kite dieser Kategorie enorm weit an den Windfensterrand, was die Freeride-Eignung unterstützt und ihn erneut von der direkten Konkurrenz unterscheidet. Geht es dann um die Kontrolle im obersten Windbereich, zeigen sich die C-Gene wieder deutlicher. Zwar öffnet der Vegas beim Wegschieben der Bar kurz das Profil, schnellt dann aber vor an den Windfensterrand, um dort wieder angeströmt zu werden. Komplettes Ausflattern wird hier nicht erreicht, weshalb der gekonnte Einsatz der Boardkante gefragt ist.

Der spielerische und leicht zu handhabende Charakter des Vegas wird durch geringe Barkräfte unterstrichen, die durchweg für das Gefühl absoluter Leichtigkeit sorgen. In der Paradedisziplin der C-Kites kann sich der Vegas erneut gut in Szene setzen. Auf den mittleren Punkten angeknüpft, positioniert er sich beim Aushaken tiefer im Windfenster und liefert ordentlichen Zug zum Absprung. Auch der Zugabbau für eine leichtere Landung erfolgt mit uneingeschränkter Befriedigung des Fahrers. Im Gegensatz zur Konkurrenz ist er aber noch deutlich sensibler, weshalb Lenkfehler beim Übergeben der Bar hinter dem Rücken auch schon mal bestraft werden können. Die optimalen Leistungen für Freestylemanöver stellt der Kite erst ab dem mittleren Windbereich zur Verfügung. Vorher mangelt es ihm an Zugkraft. Sprünge mit eingehaktem Kite erfolgen ebenfalls schön definiert, da sich der Moment des Absprungs sehr gut finden lässt. Weder beim Lift noch bei der Hangtime dürfen in dieser Kategorie jedoch Meisterleistungen erwartet werden.

Fazit: Der Vegas wird 2012 der wahrscheinlich vielseitigste C-Kite auf dem Markt sein und beeindruckt mit einer genialen Agilität. Für den modernen Wavestyle in kleineren Wellen ist er daher optimal geeignet, auch wenn die Steuerbarkeit in gedepowertem Zustand nicht mehr vorhanden ist. Freerider können dem multiplen Charakter ebenfalls eine ganze Menge abgewinnen und werden zu keinem Moment überfordert. Reine Cruiser und Oldschool-Piloten sollten sich aber eher dem Rebel oder dem Evo zuwenden. Wer gern ausgehakte Manöver fährt, aber trotzdem einen vielseitigen Kite sucht, der auch in der Welle begeistert und im Freeridebereich ebenfalls nicht abgeschlagen ist, dem können wir den Vegas nur wärmstens empfehlen.


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